„Die KlientInnen müssen sich verstanden fühlen“

Gordana Djordjevic ist Berufs- und Bildungsberaterin der Volkshilfe-Roma-Initiative „THARA Romani Zor!“. Im Interview spricht sie über den Aufbau von Vertrauen, die Auswirkungen jahrhundertelanger Diskriminierung und den Mut weiterzukämpfen.

Wien, 14. April 2017

Seit wann arbeiten Sie beim Projekt THARA?
Gordana Djordjevic: Im Jahr 2013 habe ich eine Ausbildung als Integrationscoach gemacht und im Zuge dessen habe ich bei THARA um ein Praktikum angesucht.

Sind Sie Romni?
Ja, bin ich und ich bin stolz darauf. Ich spreche auch Romanes. Das hilft mir natürlich, mit meinen KlientInnen, denn ich verstehe sie und mir glauben sie, wenn ich ihnen sage, dass ich ihre Probleme kenne.

Ist es wichtig, derselben Ethnie anzugehören wie die Menschen, die bei Ihnen Beratung suchen?
In manchen Fällen ja, in anderen ist es wahrscheinlich nicht so wichtig. Aber essentiell ist, dass sich die KlientInnen wirklich und zutiefst verstanden fühlen. Das hilft ungemein beim Aufbau von Vertrauen und einer gewissen Nähe, die gerade bei der Beratung von Roma wesentlich zu sein scheint.

Widerspricht das nicht den Regeln der Beratung? Sollten BeraterInnen nicht eher einen gewissen Abstand zu den KlientInnen haben, um objektiv bleiben zu können?
Man muss sich fragen, in welchem Kontext und von wem diese „Regeln“ aufgestellt wurden. Jedenfalls in der Vernetzung mit anderen BeraterInnen mit Migrationshintergrund – wie man so schön sagt – hat sich herausgestellt, dass viele Menschen aus anderen Herkunftskulturen gerade eine gewisse Nähe und sehr, sehr viel Vertrauen zu ihrem/ihrer BeraterIn brauchen, wollen und suchen. Mit einer distanzierten Haltung würde ich bei meinen KlientInnen nicht weit kommen.

 

Welche Anliegen haben THARA-KlientInnen in der Regel?
Da wir ein arbeitsmarktpolitisches Projekt sind, geht es den meisten KlientInnen darum, Arbeit zu finden.

Welche Hindernisse müssen überwunden werden?
Vielen unserer KlientInnen – sowohl Menschen, die schon länger in Wien leben als auch solchen, die neu zugewandert sind – fehlen vor allem Sprach- und Computerkenntnisse. Was wir merken, sind die Auswirkungen der Diskriminierung und Marginalisierung der Roma über Jahrhunderte hinweg. Wenn man bedenkt, dass die Eltern, Großeltern und Urgroßeltern heute in Wien lebender Roma nichts lernen durften, nicht zur Schule gehen durften, keinen Grundbesitz haben durften, von gewissen Berufen ausgeschlossen waren und nicht studieren konnten, dann versteht man die „Bildungsferne“ so mancher Roma-Nachkommen. Nicht alle, aber einige von ihnen, haben sich in Sicherheit gewähnt in Jobs, die kein anderer machen wollte. Wozu sich dann weiterbilden? Das Problem ist nur, dass sich die Arbeitswelt schnell verändert hat und noch immer schnell verändert.

Zum Beispiel?
Stellenanzeigen für Reinigungskräfte im Hotel verlangen heutzutage „sehr gute“ Deutsch- und „gute“ Englischkenntnisse. Eine normale Reinigungskraft findet keinen Vollzeitjob mehr, alles ist Teilzeit. Als Lagerhilfskraft braucht man heute einen Staplerschein, Führerschein und einen ECDL-Nachweis. Die Arbeitswelt hat sich also stark verändert und manche Menschen haben große Probleme, sich anzupassen. Denen muss geholfen werden.

Was wünschen Sie sich für Ihr Projekt?
Ich wünsche mir, dass unsere KlientInnen weiterhin zu uns kommen und Hilfe und Beratung annehmen, dass sie nicht den Mut verlieren und weiterkämpfen, um für sich und ihre Familien durch Arbeit und Bildung eine bessere Zukunft zu sichern.

Weitere Infos zu THARA finden Sie HIER.

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