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Aufwachsen in Armut

Die Volkshilfe Österreich lud anlässlich des Internationalen Tags zur Beseitigung der Armut am 17. Oktober 2013 zu einer Fachtagung über Kinderarmut ins Architekturzentrum Wien.

Wien, 18.10.2013

Beinahe jedes sechste Kind unter 18 Jahre ist in Österreich armutsgefährdet. Das sind 234.00 Kinder. Karl ist eines davon. Er ist wütend und traurig, weil er nicht auf Schulschikurs fahren darf, sein großer Bruder aber schon. Karl findet das ungerecht. Er weiß nicht, dass sein Vater nur unregelmäßig Arbeit hat und zwei Schulschikurse im knappen Familienbudget einfach nicht drinnen sind.

Kinder, die in Armut aufwachsen, leben in Familien, in denen das Geld nicht zum Leben reicht und sich die Eltern nicht selten am Ende des Monates die Frage stellen müssen: Zahle ich die dringend fällige Stromrechnung oder kaufe ich Lebensmittel?

Armut nimmt Chancen

„Kinder sind selten im Blick der Armutsberichterstattung. Sie werden nicht als eigenständige Subjekte gesehen, weder von der Forschung noch von der Politik. Wir wollen Kinderarmut zum Thema machen, damit die armen Kinder von heute nicht die armen Erwachsenen von morgen werden“, betonte Volkshilfe Bundesgeschäftsführer Erich Fenninger in seiner Eröffnungsrede.

Gemeinsam mit Tom Schmid, dem Leiter der Sozialökonomischen Forschungsstelle (SFS) präsentierte der Bundegeschäftsführer Ergebnisse einer neuen Studie der Volkshilfe und der SFS zum Thema „Kinderarmut in Österreich“.

Österreich schneidet im internationalen Vergleich schlecht ab

„Armut heißt mehr als kein Geld zu haben. Armut wirkt sich massiv auf die Teilhabemöglichkeiten aus, auf die Gesundheit, auf Bildungschancen und Berufsaussichten. Die Kinder erleben, dass sie weniger wert sind und werden ihrer Zukunftschancen beraubt“, fasst Fenninger die Auswirkungen von Armut auf Kinder zusammen.

„Österreich schneidet im internationalen Vergleich schlecht ab, sowohl was die Bildung betrifft als auch den Gesundheitsbereich. Wir dürfen uns nicht nur mit den Risikofaktoren beschäftigen, sondern müssen uns mit den Dimensionen befassen, die Wohlergehen ermöglichen“, führte Tom Schmid von der Sozialökonomischen Forschungsstelle aus.

Armutsprävention ist möglich

Mit den Faktoren, die ein Leben in Wohlergehen begünstigen, hat sich eine breit angelegte Längsschnittstudie der AWO-ISS in Deutschland auseinander gesetzt. Seit 1997 werden hier Lebenslagen von Kindern untersucht. Studienautorin Gerda Holz: „Es gibt Schutzfaktoren, die ermöglichen, dass es Kindern gut geht, obwohl ihre finanzielle Lage miserabel ist. 23% der befragten armutsbetroffenen Kinder kamen trotz Armut gut durch die Kindheit.“ Kinder müssten in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt werden, sie müssten erleben: Ich kann was, auch wenn ich in einer belastenden Situation bin.

Gestärkt werden müsse die Förderung der Eltern-Kind Beziehung und die Problemlösungskompetenz der Eltern. Wichtig sei auch, dass es außerhalb der Familie Bezugspersonen gebe.

Sozialminister Rudolf Hundstorfer begrüßte in seinem Statement „alle Initiativen, die uns die komplexe Materie Kinderarmut besser verstehen lassen. Wir haben in der Vergangenheit schon einige Initiativen gesetzt, der Austausch mit der Fachwelt ist mir aber immer besonders wichtig, um weitere Weichenstellungen vornehmen zu können“.

Auswege aus der Kinderarmut

Monika Klinger, Leiterin der Sozialpädagogischen Familienhilfe in Niederösterreich, skizzierte in ihrem Vortag Lösungsansätze auf mehreren Ebenen. Unter anderem strich sie hervor, dass betroffene Familien frühzeitig über Hilfsangebote informiert werden müssen: „Ideal wäre eine Art Frühwarnsystem. Hilfestellung muss zu einem Recht werden und Betroffene dürfen nicht zu BittstellerInnen gemacht werden. Es braucht mehr Ressourcen zur Beratung und Betreuung bei der Überwindung von Notlagen.“

Laura Schoch von der Bundesjugendvertretung betonte die Bedeutung von Kinder- und Jugendeinrichtungen, in denen Kinder und Jugendliche erfahren, was Partizipation heißt. Hier lernen Kinder, dass ihre „Meinung etwas zählt“.

Ansätze zur Vermeidung von Armut sieht sie auch im Bildungssystem: „Durch flächendeckende Einführung einer gemeinsamen Schule der 10- bis 15-jährigen kann einer frühzeitigen Selektion im Bildungsbereich entgegen gewirkt werden.“

Eine Möglichkeit, die Kinder und Jugendlichen selbst und ihre Problemlösungskompetenzen zu stärken, ist Schulsozialarbeit. Kathrin Feier, die ein Pilotprojekt Schulsozialarbeit an einer Wiener Handelsschule leitet, erzählte: Den Jugendlichen fehlen vertrauensvolle Bindungen. Die Eltern sind aus unterschiedlichsten Gründen nicht greifbar. Folgen sind Defizite in allen Lebensbereichen. Die Jugendlichen kommen ohne Essen in die Schule oder gehen nicht zum Arzt oder zur Ärztin, wenn sie krank sind, weil sie sich nicht trauen alleine hinzugehen.“

Neben flächendeckender Schulsozialarbeit wünscht sich Feier mehr kostenlose Therapieangebote.

Kein Kind zurücklassen

Die Volkshilfe fordert die neue Bundesregierung auf, den Kampf gegen Kinderarmut zur Priorität zu machen. „Wir benötigen eine Schule für alle Kinder. Aufgabe der Schule ist es mit allen Kindern die Bildungsziele zu erreichen. Wir fordern eine Kindergrundsicherung und in einem ersten Schritt die Erhöhung der Richtsätze für Kinder in der Mindestsicherung. Und es braucht mehr Ressourcen für Sozialarbeit, die sich an den Kindern und Jugendlichen orientiert“, fasst Volkshilfe Geschäftsführer Fenninger wesentliche Forderungen zusammen.

Damit wahr wird, was Gerda Holz so formulierte: „Jedem Kind alle Chancen!“

Presseinfo: Studie und Forderungen im Kampf gegen Kinderarmut der Volkshilfe

Bildergalerie:

Im Bild: Erich Fenninger (Bundesgeschäftsführer Volkshilfe Österreich), Bundesminister Rudolf Hundstorfer, Emil Diaconu (Junge Volkshilfe) / Foto: Mike Ranz / Text: Verena Fabris

Mit freundlicher Unterstützung:

 

 

 

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