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"Perspektiven für Menschen mit Behinderungen schaffen"

Wien, 08.01.2013

Volkshilfe: Seit wann sind Sie als Sozialattaché tätig und was können sich unsere LeserInnen unter der Arbeit eines Sozialattachés vorstellen?

Georg Reibmayr: Als Sozialattaché bin ich Mitarbeiter des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (BMASK). Im Jahr 2010 wurde ich an die österreichische Botschaft Chisinau in Moldau entsandt.

In dieser Funktion bin ich für die bilateralen Beziehungen Österreichs mit der Republik Moldau im Kontext unserer Ressortkompetenzen zuständig. Dabei geht es um die Forcierung eines intensiven Wissenstransfers aus Österreich im Arbeits-, Sozial- und Konsumentenschutzbereich, der auf partnerschaftlicher Ebene, in Einklang mit den Bedarfen unserer moldauischen PartnerInnen und in Abstimmung auf die lokalen Gegebenheiten stattfindet.
Daneben monitore ich unsere Förderprojekte in der Republik Moldau, vernetze sie mit lokalen Stellen bzw. anderen Aktivitäten und betreibe einen regelmäßigen und intensiven Austausch mit unseren Partnern vor Ort.

Volkshilfe: Wie lässt sich die aktuelle soziale Situation in Moldau beschreiben?

Reibmayr: Die sozialökonomische Gesamtsituation ist aufgrund vieler wirtschaftlicher und politischer Faktoren bzw. vor dem Hintergrund der Wirtschafts- und Finanzkrise weiterhin angespannt. Viele Gesellschaftsgruppen leben äußerst prekär.

Zudem gibt es große Herausforderungen in der Bildung und am Arbeitsmarkt. Viele Menschen sehen  keine persönliche Perspektive im Land und wandern als ArbeitsmigrantInnen nach Russland, Italien, Portugal und andere Länder aus. Dennoch konnten in jüngster Vergangenheit viele Fortschritte erzielt werden: die Infrastruktur wird allmählich modernisiert, immer mehr Investoren - dies passiert nur zaghaft - interessieren sich für das Land und schaffen Arbeitsplätze; und auch in der Annäherungspolitik an die EU wurden zahlreiche wichtige Fortschritte erzielt, die der Bevölkerung bald zugute kommen werden.

Volkshilfe: Welche Aufgaben bringt das BMASK-Projekt der Volkshilfe in Moldau mit sich?

Reibmayr: Das Förderprojekt des BMASK zum Aufbau eines sozialökonomischen Betriebs ist insofern äußerst spannend und sinnvoll, weil sozialökonomische Betriebe für die Republik Moldau etwas völlig Neues sind. Durch unsere Fördermittel ermöglichen wir eine aktive arbeitsmarktpolitische Maßnahme und die gezielte Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen.

Dieser Ansatz stößt insbesondere bei der moldauischen Arbeits- und Sozialministerin Valentina BULIGA auf großes Interesse. Sie besuchte im vergangenen September eine Einrichtung unseres Projektpartners WienWork - sie bezeichnete das Projektkonzept als "Pilotidee für ihr Land".

Volkshilfe: Warum hat man sich bei dem Sozialprojekt auf die Arbeit mit geistig und körperlich eingeschränkten Jugendlichen spezialisiert?

Reibmayr: Menschen mit Behinderungen zählen in der Republik Moldau zu den am meisten diskriminierten Personen.

Dies äußert sich nicht nur in einem schwachen, ihren Bedürfnissen kaum gerecht werdenden Bildungs- und Fördersystem, sondern auch in einer damit verbundenen äußerst prekären Beschäftigungssituation. Viele KlientInnen unseres Projekts sind strukturelle AnalphabetInnen.

Volkshilfe: Gibt es Geschichten, die Ihnen besonders nahe gehen bzw. besonders am Herzen liegen?

Reibmayr: Besonders berührend ist die Situation der Menschen in ländlichen Gebieten, wo das tatsächliche Ausmaß von Armut und sozialer Exklusion viel sichtbarer und gravierender ist als in den urbanen Gebieten des Landes. Viele Menschen leben leider vielfach unter tatsächlich entwürdigenden Umständen.

Die bereits beschriebene Arbeitsemmigration führt innerhalb Moldaus auch zu einer massiven Landflucht der de facto „mittleren“ Generation, also vor allem junger, gut ausgebildeter und arbeitsfähiger Menschen. Zurück bleiben meist die alten und gebrechlichen Menschen, Personen mit Behinderungen und Kinder – die so genannten „children left-behind“ –, deren Eltern die ländlichen Regionen auf der Suche nach einem besseren Leben verließen und sie oftmals zu Sozialwaisen machten.

Volkshilfe: Was wünschen Sie den jungen Menschen im sozialökonomischen Betrieb für die Zukunft?

Reibmayr: Jungen Menschen in der Republik Moldau mangelt es generell meist an ausreichenden Perspektiven für eine nachhaltige Lebensplanung, wie wir sie aus Westeuropa kennen. Sie sehnen sich wie ihre AltersgenossInnen aus dem Westen nach einem gesicherten Leben in Wohlstand und sozialer Sicherheit, in dem man sich selbst verwirklichen kann. Es mangelt jedoch an einer zeitgemäßen (Berufs-)bildung, die den Anforderungen einer modernen Marktwirtschaft entspricht und Jugendlichen neue Chancen bringen würde. Es gibt aber auch wenig gute Jobaussichten für später, was wiederum mit der gesamtwirtschaftlichen Situation im Lande zusammenhängt.

Dennoch sind bereits viele Schritte in die richtige Richtung unternommen und bemerkenswerte Initiativen und Projekte, auch mit österreichischer Beteiligung, gestartet worden, um die Situation für junge Menschen in der Bildung und am Arbeitsmarkt zu verbessern.

Volkshilfe: Danke für das Interview!

Mehr Informationen

Das Projekt wird von der Volkshilfe gemeinsam mit WienWork und der  lokalen Partnerorganisation „Eco Razeni“ umgesetzt. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz.

Weiterlesen: Projektbeschreibung zu unserem sozialökonomischen Betrieb in Moldau

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