Volkshilfe: Studie zu Lebenswelten und Netzwerken armutsbetroffener Kinder

Fenninger: „Wir haben in zwei Regionen Kinder und Jugendliche befragt“

Wien, 26.11.2015

In der vorliegenden Studie werden erstmals die Lebensbedingungen und das soziale Umfeld von armutsbetroffenen, armutsgefährdeten und nicht-armutsgefährdeten Kindern und Jugendlichen erhoben. In zwei unterschiedlichen Regionen, der Stadtgemeinde Leoben in der Steiermark und der Gemeinde Mattersburg im Burgenland, wurden Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 15 Jahren detailliert befragt. Die qualitative empirische Erhebung, die in Kooperation mit der FH Campus Wien durchgeführt und vom Sozialministerium unterstützt wurde, zeigt das alltäglichen Erleben von Armut aus Sicht der Kinder.

Volkshilfe Direktor Erich Fenninger und die Leiterin der Sozialpolitik der Volkshilfe Österreich Marina Einböck präsentierten heute die Ergebnisse:

- Armut sieht, fühlt und akzeptiert man
Armutsbetroffene Kinder sprechen in den Interviews aktiv von nicht vorhandenen finanziellen Möglichkeit in der Familie, notwendige Dinge wie Lebensmittel zu kaufen, Geld für Schulausflüge aufzubringen oder auch wichtige Gegenstände wie eine verloren gegangene Brille zu ersetzen. Armutsbetroffene Kinder gehen sehr verständnisvoll mit der finanziellen Situation der Eltern um, sie nehmen sich und ihre Ansprüche zurück. In vielen Fällen sprechen die Kinder davon, dass sie das traurig macht, wenn sie sich Dinge nicht leisten können.

- Die Möglichkeit, regelmäßig unterschiedliche Freizeitaktivitäten auszuüben ist bei armutsbetroffenen Kindern stark eingeschränkt. Um Talente und Fähigkeiten zu entwickeln, muss aber die Möglichkeit gegeben sein, unterschiedliche Dinge spielerisch und regelmäßig ausüben zu können (Musik, Sport, Spiele, Tanz, Theater etc.). Deshalb ist es umso eindrücklicher, wenn armutsbetroffene und armutsgefährdete Kindern zwar unterschiedliche Freizeitaktivitäten nennen, die Spazieren gehen, sich im Park treffen, draußen spielen und das Jugendzentrum umfassen. Aber viele kostenpflichtige Aktivitäten bleiben armutsbetroffenen Kindern im Gegensatz zu finanziell besser gestellten Kindern verschlossen.

- Das Anderssein und Ausgegrenztsein und -werden ist Teil des Schulalltags für armutsbetroffene Kinder und Jugendliche.
Das Anderssein von armutsbetroffenen Kindern fällt auf. Als Beispiele für das Anderssein von armen Kindern werden abgenutzte und unmoderne Kleidung genannt und keine Geburtstagsgeschenke machen zu können. Unzureichende finanzielle Unterstützung der Eltern wird als peinlich für die betroffenen Kinder beschrieben. Die soziale Ächtung Armutsbetroffener wird von armutsbetroffenen Kindern und Jugendlichen angesprochen. Sie sprechen davon, dass Armutsbetroffene „gemobbt“ und „verarscht werden“.

- Unterschiede bei der Nutzung von Räumen
In zentralen Orte wie den Hauptplatz, Parks und dem Einkaufszentrum findet soziale Durchmischung statt. Allerdings zeigen sich Segregationstendenzen im Bezug auf die Nutzung von Orte wie den Jugendzentren und den Vereinen, sowie bei kulturellen und demokratiepolitischen Aktivitäten. Armutsbetroffene treffen sich nicht zu Hause mit ihren FreundInnen, sondern spielen draußen oder weichen in ein Jugendzentrum aus. Gratisangebote und Orte, an denen sich die Kinder und Jugendlichen treffen können, sind deshalb besonders wichtig.

- Unterstützungsstrukturen außerhalb der Familie sind für armutsbetroffene Kinder und Jugendlichen besonders wichtig
Ein Netzwerk an relevanten Bezugspersonen, sei es in der Familie, Schule, Freizeit oder professionelle Unterstützungen, die Kinder beim Aufwachsen unterstützen, ist einer der wichtigsten Aspekte für ein gelungenes Leben, unabhängig von der finanziellen Situation in der Familie. Armutsbetroffene Kinder und Jugendliche erwähnten neben den Eltern auch Personen, die außerhalb der familiären Unterstützung für sie wichtig waren: VertrauenslehrerInnen, die BetreuerInnen im Jugendzentrum oder ein „Schulcoach“ wurden genannt, zu den die Kindern einerseits bei schulischen Problemen gehen, die aber auch für alle anderen Probleme z.B. in der Familie oder mit FreundInnen herangezogen werden.

Nicht-armutsgefährdete Kinder und Jugendliche erzählten, kaum Stress oder Probleme in der Schule oder in der Familie zu haben und falls doch, diese mit den Eltern besprechen zu können.

- Wünsche
Die Wünsche der Kinder und Jugendlichen sind geprägt von ganz kleinen Dingen, wie „ein wenig Geld“ und „Kuscheltieren“ aber auch „Lottogewinn“ und einem „Haus am Strand“. Sehr leicht fällt es den Kindern aber auch Wünsche für ihre direkte Umgebung zu äußern sowie idealistische Wünsche: „Fische für das leere Aquarium des Bruders“, „Gar nichts außer, dass meine Eltern mal eine gute Arbeit haben, dass wir mal in ein schönes Haus ziehen und dass wir glücklich bleiben zuhause“, „Dass es keine armen Menschen gibt“ und: „Dass alle so normal leben wie wir. Und eigentlich das war es schon.“

Für Erich Fenninger ergeben sich folgende Schlussfolgerungen und Forderungen aus der Studie:
- Die Ergebnisse zeigen, dass eine kostenlose Nachhilfe in oder um die Schule, die Kinder aus einkommensarmen Haushalten unterstützen, ein wichtiges Angebot ist. Aber wir bleiben dabei, dass es in Österreich ein durchlässiges Schulsystem braucht, dass einen bildungsmäßigen Aufstieg möglich macht. Die aktuelle OECD Bildungsstudie bestärkt uns darin, dass Österreich hier großen Aufholbedarf hat.

- Ansprechpersonen schaffen, zu denen die Kinder bei Problemen gehen können, die häufig erwähnte Vertrauenslehrerin oder SchulsozialarbeiterInnen.

- Offensive Förderung armutsbetroffener Kinder und Jugendlicher in allen ihren Lebenswelten, um ihnen dieselben Chancen zu geben, die Kinder aus nicht-armutsbetroffenen Familien haben. Dazu gehören:
Öffnung des Zugangs zu Vereinen, Vereinfachung des Zugangs und Erhöhung der Transparenz zu finanzieller Unterstützung für Schulveranstaltungen, Freizeitaktivitäten und kulturelle Veranstaltungen für Kinder.

- Sensibilisierung von PädagogInnen in allen Bereichen, von der Elementarpädagogik bis zu den HochschullehrerInnen zum Thema Armut und soziale Ausgrenzung. Das Verstehen von Ausgrenzungs- und Ungleichheitsprozessen ist – vor allem bei den AkteurInnen rund um die Schulen, die Jugendarbeit und auch die Stadtplanung etc. – eine Grundvoraussetzung, um passende Angebote zu erstellen.

Abschließend hält Fenniger fest „dass wir allen Tendenzen, die Mindestsicherung zu kürzen oder teilweise in Sachleistungen umzuwandeln eine klare Absage erteilen. Im Gegenteil, wir brauchen eine Erhöhung der Mindestsicherung auf die Armutsgefährdungsgrenze von derzeit 1.161 Euro und eine Erhöhung des Kinderbetrages."

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Melanie Rami, MA        
Pressesprecherin
0676 83 402 228
melanie.rami@volkshilfe.at

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