Arbeitslosigkeit und Armut sind der Skandal der Gegenwart

ÖsterreicherInnen fordern Mindestlohn, Gleichstellung von Frauen am Arbeitsmarkt und flächendeckenden Deutsch-Unterricht für AsylwerberInnen. 

Wien, 9. Juni 2016

Über 400.000 Menschen in Österreich waren im Mai 2016 arbeitslos. Erich Fen-ninger, Direktor der Volkshilfe Österreich: „Ein Trend, der sich seit Jahren fort-setzt. Einen Arbeitsplatz zu finden wird immer schwieriger. Das zeigt auch die durchschnittliche Vormerkdauer. Diese liege mittlerweile bei 193 Tagen und bedeute somit ein Plus von 38 Tagen gegenüber dem Vorjahr, so der Direktor: „Besonders bedenklich ist, dass immer mehr Menschen in dieser Situation bleiben. Im Mai 2015 waren mit 120.897 Personen fast doppelt so viele als langzeitbeschäftigungslos gemeldet wie noch vor drei Jahren. An diese Zahlen dürfen wir uns nicht gewöhnen“, sagt Fenninger, der die Ergebnisse des neuesten Volkshilfe Sozialbarometers zu den Themen Arbeitsmarkt und Verteilung heute im Rahmen einer Pressekonferenz präsentierte.

Gender Pay Gap in Österreich ist einer der höchsten in der EU
Frauen verdienen in Österreich durchschnittlich 82% des Männereinkommens, noch größer ist der Unterschied bei den Teilzeitbeschäftigten. „Mit Berücksichtigung von Faktoren wie der Dauer des Arbeitsverhältnisses, Branche, Stundenausmaß, Art des Arbeitsverhältnisses, Unternehmensgröße, Beruf, Ausbildung, Alter und Region können Teile des Gender Pay Gaps erklärt werden. Der Großteil der Schlechterstellung von Frauen ist jedoch nicht durch Faktoren wie Branche oder individuelle Erwerbsbiographien erklärbar“, sagt Fenninger. Der Volkshilfe Sozialbarometer zeigt, dass die ÖsterreicherInnen die Benachteiligungen wahrnehmen: Nahezu acht von zehn Befragten (79%) geben an, dass Frauen nach wie vor am Arbeitsmarkt benachteiligt sind.

Arbeitslosigkeit und schlecht bezahlte Jobs sind die Verursacher von Armut
Mit 909,50 Euro pro Monat liegt das durchschnittliche Arbeitslosengeld weit unter der Armutsgefährdungsschwelle von 1.161 Euro im Monat. „Das zeigt klar: Längere Arbeitslosigkeit und Armut gehen Hand in Hand“, sagt der Direktor. Außerdem werde die Situation auch für jene, die Arbeit finden, immer schwieriger. Bereits 297.000 Menschen verdienen trotz Erwerbstätigkeit unter 1.161 Euro im Monat und leben somit unter der von der EU definierten Armutsgefährdungs-schwelle. „Das liegt zum Großteil daran, dass am österreichischen Arbeitsmarkt ein klarer Anstieg atypischer Beschäftigungsverhältnisse zu verzeichnen ist. Branchenmindestlöhne von 1.700 Euro bei Vollzeitbeschäftigung wären ein wichtiger Schritt zur Bekämpfung von Armut und prekärer Beschäftigung“, sagt Fenninger. Arbeit müsse fair entlohnt werden, meint auch die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung. 86% der Befragten sind der Meinung, dass niemand mit einem Vollzeitarbeitsplatz weniger als 1.700 Euro brutto verdienen soll.

ÖsterreicherInnen fordern höheren Beitrag von SpitzenverdienerInnen
„Auch die Unterschiede in den Einkommen sind alarmierend“, sagt Fenninger. Das unterste Einkommensdrittel der österreichischen Haushalte verfügt über nur 12% des Einkommens in Österreich. Auf das oberste Drittel entfallen hingegen 60% des Einkommens, ihr Anteil an Abgaben liegt aber bei nur 45%. „Untere und mittlere Einkommen sind stärker belastet durch Sozialabgaben. Außerdem haben sie keinen Zugang zu bestimmten Einkommensarten wie Einkünfte aus Miete und Verpachtung oder aus Zinsen und Dividenden. Um der Ungleichverteilung entgegenzuwirken, ist es an der Zeit, die Verteilung von Belastungen neu zu denken und vor allem den Beitrag der SpitzenverdienerInnen gerechter zu gestalten“, so der Direktor. Die Ergebnisse des Volkshilfe Sozialbarometers geben ihm Recht: Drei Viertel der Befragten stimmen der Aussage zu, dass sehr hohe Einkommen in Zukunft einen höheren Beitrag zum Steueraufkommen leisten sollen.

Neben Wohnen und Arbeit ist Bildung und Sprache der Schlüssel zu Integration
Dass AsylwerberInnen im Zuge des Asylverfahrens nur sehr eingeschränkt arbeiten dürfen, erschwert den Integrationsprozess. Voraussetzung für Integration und Chancen am Arbeitsmarkt ist jedoch das Erlernen der deutschen Sprache. Nahezu acht von zehn Befragten (79%) sind der Meinung, dass verpflichtende Deutschkurse für AsylwerberInnen eingeführt werden sollen.  Sprache ist das Um und Auf für eine gelungene Integration, meint auch Erich Fenninger: „Menschen, die alles zurücklassen mussten, weil sie von Krieg und Terror bedroht waren, dürfen bei Sozialleistungen nicht schlechter gestellt werden. Die Auswirkungen, die die Einschränkungen beim Zugang zu Deutschkursen, Arbeitsmarkt, Sozialsystem auf ihr Leben in Österreich haben, sind massiv. Wir können es uns nicht leisten, Menschen, die in Österreich sind, schlechter zu behandeln. Verpflichtende Deutschkurse für AsylwerberInnen und die Öffnung des Arbeitsmarktes für AsylwerberInnen, die sich bereits sechs Monate in Österreich aufhalten, sind die ersten Schritte in Richtung einer gelungenen Integration“.

Umverteilung: Jetzt!
Die einen arbeiten zu viel, die anderen können von ihren Jobs nicht leben. Die Anzahl an Beschäftigten steigt kontinuierlich, gleichzeitig werden aber jene Arbeitsplätze, die einen stabilen, existenzsichernden Arbeitsplatz und umfassende soziale Absicherung beinhalten weniger. „Das muss sich ändern“, sagt Fenninger abschließend und fordert: „Eine gerechte Verteilung der Arbeitszeit muss mit einer gerechten Verteilung der Einkommen einhergehen, gleicher Lohn für gleiche Arbeit und eine faire Bezahlung von Frauen“.

 

Alle Infos zum Volkshilfe Sozialbarometer: www.volkshilfe.at/sozialbarometer

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Pressesprecherin
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