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„Jeder Bürger und jede Bürgerin muss das Recht auf Grundsicherung des Lebens haben!“

Ein Gespräch zwischen Ella Rosenberger und Erich Fenninger

Ein Online-Gespräch zwischen Ella Rosenberger, Leiterin des Sozial Ökonomischen Betriebes SÖB und Erich Fenninger, dem Volkshilfe-Direktor über die Belastungen im Leben armutsgefährdeter Menschen und warum dringend eine Existenzsicherung für alle her muss!
 

"Der Arbeitslose ist nicht mehr maximal der Nachbar!"


Liebe Ella, bitte stelle Dich kurz vor...
Ella: Ich leite den SÖB (sozial ökonomischen Betrieb) der Volkshilfe Wien. Wir haben begrenzt Platz für insgesamt 400 TeilnehmerInnen, das sind meistens langzeitarbeitslose Menschen.Viele von ihnen haben negative Vorerfahrungen am Arbeitsmarkt und bringen hohe psychische Belastungen mit. In unseren verschiedenen Geschäftsfeldern versuchen wir, mit ihnen wieder ein Selbstbewusstsein und eine Stabilisierung zu erarbeiten, damit sie wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen können.

Die Arbeitslosigkeit in Österreich ist so hoch, wie noch nie...
Erich:
Diese aktuell enorm hohe Zahl an Massenarbeitslosigkeit gab es seit der Gründung der zweiten Republik nicht. In meiner sozialarbeiterischen Laufbahn habe ich noch keinen Zeitpunkt erlebt, an dem sich so viele Menschen an uns wenden, um konkrete Hilfe zu bekommen.

Ella: Das erschreckende ist, der Arbeitslose ist nicht mehr "maximal der Nachbar"! Die Hilfsbedürftigkeit ist schon so nahe an die Menschen herangekommen! Es sind erschütternderweise immer mehr junge Familien, die sich für die Essensausgabe anstellen.

Erich:  Fakt ist, dass im Jahresdurchschnitt die Erwerbslosigkeit im letzten Jahr um das beinahe vierfache gestiegen ist, das ist dramatisch. In der Spitzenzeit hatten wir 576.000 Menschen ohne Erwerbsarbeit, gegenwärtig liegt die Zahl bei 530.000. Das bestätigt, dass der Markt nicht in der Lage ist, das Recht auf Arbeit zu sichern.

"Almosengeben" ist ein völlig falscher Denkanstoß!

Langzeitarbeitslosigkeit macht ja auch was mit den Menschen...
Ella: Die Lebensgeschichten, die an uns herangetragen werden, sind oft so brutal. Zu sehen, mit welchen Ängsten die Menschen konfrontiert sind, wie sie kämpfen. Es kann doch nicht sein, dass wir in einem Land leben, wo man immer so um seine Grundbedürfnisse kämpfen muss! Dass es da nicht diese Basis gibt, die einem als Mensch zusteht, wie ordentliches Wohnen, die Möglichkeit, seinen Kindern eine ordentliche Bildung zu bieten, Grundbedürfnisse wie Essen und Kleidung zu stillen, ohne dauernd das Gefühl haben zu müssen, um alles betteln zu müssen.

Hinzu kommt ja auch noch diese Stigmatisierung...
Ella: Richtig. Denn "Almosengeben", das ist ein völlig falscher Denkanstoß! Hilfe muss selbst-verständlich sein! Es muss sofort eine Grundsicherung für die Menschen her! Denn es ist einfach  unerträglich, dass ihre prekäre Lage von der Gesellschaft und Politik dargelegt wird mit so Sprüchen wie: "Die Leute sind selber schuld, "die Frauen hätten halt nicht so viele Kinder bekommen sollen!" oder "hätten sie halt mehr auf ihre Bildung geachtet!"

Erich: Das ist eine Vermittlung oder Anrufung. Diese Menschen haben genauso Ohren und hören das! Sie glauben dann, dass sie tatsächlich selbst schuld wären und akzeptieren ihre marginalisierte Position.

"Die Frage ist, wie nimmt man in dieser Krise das Subjekt Mensch wahr?"

Wie müssen sich diese Menschen fühlen?
Ella: Allein, was das psychisch mit diesen Leuten macht, wie sie sich schämen, Almosen annehmen zu müssen! Das macht ja auch was mit unserem SÖB-Team. Wir müssen mit dieser Scham ja auch umgehen, das Problem erkennen, die Personen auffangen, mit ihnen sprechen, ihnen sagen, sie brauchen Hilfe, ihnen Lebensmittel-Pakete anbieten. Das ist für alle eine extrem unangenehme Situation.

Erich: Die Frage ist, wie nimmt man in dieser Krise das Subjekt "Mensch" wahr? Was bedeutet es für ihn, dass die materielle Existenzsicherung weder im Bereich Wohnen, noch bei der Ernährung gegeben ist? Man muss sich vorstellen, es gibt Menschen, die am Ende des Monats nicht ausreichend zu Essen haben und die Kinder wünschen sich, "dass endlich die Toastbrotzeit" beendet ist, weil es die letzten Tage des Monats kein Geld gibt, um sich angemessenes Essen zu kaufen.

Angst ist ein schlechter Ratgeber...
Erich: Durch fehlende Existenzsicherung und Unsicherheit leben diese Menschen in Angst. Die Hirnforschung zeigt, wenn man unter Angst leidet, dann ist das Schmerzzentrum aktiviert. Sie leiden sozusagen permanent. Dieser Zustand blockiert und man kann sich nicht entwickeln. Erst, wenn die Existenz und die primären Bedürfnisse des Menschen gesichert sind, kann er sich interessengeleitet entwickeln, sich positionieren und sein Leben frei starten.

Ella: Angstbezogenheit macht unkreativ, man wird kraftlos, passiv und rutscht schnell in eine  Opferrolle. Man wird zur Duckmaus. Und wir sind da auch schon längst in der Mittelschicht angekommen, denn auch hier spielt der psychische Angstfaktor bereits schon ein wesentliche Rolle: Mein Sohn ist jetzt beispielsweise 22 Jahre alt und hat bereits erkannt, dass er nicht werden kann, was er will, sondern nur das, was die Gesellschaft zulässt.

"Es trifft vor allem die bildungsfernen Menschen!"

Es kommt ja dann auch oft zu einer sozialen Isolation...
Erich: Wenn man als Kind in einer Familie aufwächst, in der sich die Eltern abgeschnitten von der Erwerbstätigkeit isolieren, nie in den öffentlichen Raum gehen, dann erleben die Kinder ein Role-Modell: ihre Bezugsperson ist abgeschnitten von der Umwelt. Diese Kinder streben dann nicht interessengeleitet in die Zukunft, mit Träumen, Wünschen und Vorstellungen von "was möchte ich gerne mal werden", sondern ihr zugewiesener Platz ist der der Existenzsicherung in Gegenwart und Zukunft. Ein Mechanismus, der diese Armutsklassenlage permanent reproduziert.

Ella:... richtig, und aus dieser Spirale kommen sie dann meist schlecht wieder heraus und stolpern von einem Lebensunglück in das nächste.

Aber manche schaffen es auch wieder zurück in die normale Arbeitswelt?
Ella:
Ja, ein Großteil schafft es, wieder Fuß zu fassen. Das sieht man aus den Projekten der Jugendarbeit. Es ist jedoch immer ein Entwicklungsprozess, der oft eine langfristige Begleitung benötigt. Man kann nicht in ein paar Monaten alles aufholen, was bei diesen Jugendlichen in den Jahren bis 18 Jahre schon kaputtgegangen ist.

Welche Menschen trifft es am härtesten?
Ella: Es trifft vor allem die bildungsfernen Menschen. Bildung wird ganz klar vererbt. Wenn keine geeignete Schulförderung vorhanden ist, dann schaffen die Jugendlichen auch nur ganz schlecht den Lehrabschluss und den Einstieg ins Leben.

"Es kann ja nicht sein, dass der 2. Arbeitsmarkt immer noch so ein Tabu-Thema ist!"

Erich, die Volkshilfe hat im Zuge ihrer Forschung ein Umfrage durchgeführt...
Erich: Durch unsere Forschungen können wir deutlich belegen, wie hoch materielle Unterversorgung den Menschen psychisch belastet. In einer Umfrage baten wir die Eltern, ihre Lebensqualität nach einem Schulnoten-Prinzip einzuordnen. Die Mehrheit hat sie tatsächlich mit "nicht genügend" oder "maximal genügend" bewertet. Das ist dramatisch.

Was würde Abhilfe schaffen?
Ella: Wir müssen endlich weg von dieser Lügenpolitik und hin zu einer evidenz-basierten, menschlichen Politik! Es muss eine Grundsicherung her für diese Menschen! Es braucht ein Grundgehalt am Arbeitsmarkt! Es kann ja nicht sein, dass der 2.Arbeitsmarkt immer noch so ein Tabu-Thema in der Politik ist.

Erich: Der Staat greift stark ein in dieser Pandemie-Zeit, um die Gesundheitskrise und die Ausbreitung des Virus es zu minimieren und stützt Firmen. Aber die Regierung ist nach wie vor nicht im geringsten dazu bereit, den Menschen endlich eine Existenzsicherung zu geben! Im Gegenteil, er degradiert die Bürger und Bürgerinnen permanent zu Bittstellern und Almosen-EmpfängerInnen.

Ella: Ich denke auch, um ein Grundeinkommen kommen wir einfach nicht umhin, sonst rutschen noch viel mehr Menschen in diese Armutsfalle und auch die Mittelschicht wird geringer werden. Es mag zwar sein, dass manche ihr unlauteres Vermögen noch um das 20-fache vergrößern, aber irgendwann wird es zu einer Revolution kommen! Die Leute werden sich auf Dauer nicht mehr so unterdrücken lassen. Und man muss ja nicht unbedingt warten, bis wir dort angekommen sind!

"Wir müssen in Österreich wieder soziale Gerechtigkeit aufbauen!"

Wie sähe die Welt ohne NGO´s aus?
Erich:
Der Markt konnte bisher noch nie die zentralen Lebensbereiche, die primären Bedürfnisse der Menschen sichern. Gäbe es kein permanentes wohlfahrtsstaatliches Einschreiten, hätten wir 40% Armutsbetroffene in diesem Land, das muss man sich mal vorstellen!

Was wäre die Lösung?
Erich: Es darf keine patriarchalische, von oben herab stattfindende Wohlstaatlichkeit geben, sondern wir brauchen ein Solidarprinzip, also die Verantwortung für alle Menschen, nicht nur für sich selbst. Wir müssen in Österreich wieder soziale Gerechtigkeit aufbauen!

Ella: Ich wünschte mir auch so eine soziale Bewegung, die auf einer gemeinsamen Vernetzung basiert. Es muss eine Werbung für Solidarität sein! Kein verstaubtes "Gemeinsam sind wir stark!" Diese politische Kälte derzeit und diese extreme Wirtschaftlichkeit macht mir Angst. Es braucht wieder eine neue Energie!

Erich: Ella und ich kommen aus der sozialen Arbeit, unsere Global Definition ist es, den Betroffenen durch Ermächtigung und Befreiung mitzuteilen, dass sie nicht alleine, oder selbst schuld an ihrer Misere sind. Es braucht diese emotionale Verbindung mit den Benachteiligten, um gemeinsam gesellschaftlich Druck zu machen. Denken wir an die Menschenrechtsbewegungen "Friday for Future", oder "Black lives Matter ". Nur die direkt Betroffenen können in der Gemeinsamkeit etwas transformieren und radikal was verändern!

"Wir sind viele und wir müssen den Herrschenden die Instrumente aus der Hand nehmen!"

Warum engagiert Ihr Euch sozial?
Ella: Ich bin in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen und bin die erste mit einer Matura und einem Studium. Gymnasium war für meine Eltern so weit entfernt, wie ich vom Mond (lacht), aber sie standen mir nie im Weg und waren sehr stolz auf mich. Dieser Stolz ist auf mich übergesprungen und ich habe das starke Bedürfnis, diese Energie mit den Menschen zu teilen.

Und Deine Arbeit beim SÖB?
Ella: Ich liebe den sozialökonomischen Bereich und bin wirklich mit ganzem Herzen bei den Menschen und den Jugendlichen. Sie geben einem soviel zurück und wenn ich all diese Lebensgeschichten höre, bin ich so gerührt, dass ich manchmal weinen muss, genauso bietet mein Job aber auch so viele schöne Dinge.

und Du Erich?
Erich: Ich habe mich schon deutlich unter dem Alter von 15 Jahren aktiv engagiert für Menschenrechts-Bewegungen, wie Amnesty International oder Anti-Apartheid. Ich nehme eine Benachteiligung anderer Menschen höchstpersönlich und sehe das als Angriff auf mich als Person. Wie schon Adorno sagte: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen". Ich sehe das auch so, ich kann nicht 100%ig glücklich sein, wenn ich sehe, dass Menschen ausgebeutet werden. "Die Geschichte schreiben wir Menschen und nicht Gott und die Natur!" wie schon Marx sagte! Also: "Wir sind viele und  wir müssen den Herrschenden die Instrumente aus der Hand nehmen!"

Ella: Genau! Und irgendjemand muss ja die Welt verbessern! (alle lachen)

Erich: Genau! Das sind wir! Join the Revolution (lacht). Das Leben ist doch viel geiler und freier, wenn man füreinander da ist!

8. April 2021

Foto: Ella Rosenberger, Leiterin SÖB VH Wien, Erich Fenninger, Direktor VH Ö, Lisa Peres, VH Ö, Interview

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