Kürzungen im Sozialbereich
4 von 5 Fachkräften schlagen Alarm
Ein aktueller Praxischeck von Caritas und Volkshilfe zu Kürzungen im Sozialbereich zeigt alarmierende Ergebnisse. Vier von fünf Fachkräften rechnen mit Einschnitten oder sind bereits davon betroffen. Die Folgen treffen vor allem Menschen, die ohnehin wenig Spielraum haben.
Schon jetzt sind zahlreiche Sparmaßnahmen wirksam, die insbesondere Menschen mit geringem Einkommen stark treffen. So entfällt etwa der Klimabonus, Familienleistungen werden nicht valorisiert, Gebühren steigen und beim Zuverdienst zum Arbeitslosengeld wurden Einschränkungen vorgenommen. Auch der Budgetdienst kommt zu dem Schluss, dass Haushalte mit geringem Einkommen relativ stärker belastet werden.
Parallel dazu geraten auch soziale Unterstützungsangebote zunehmend unter Druck. Fördermittel werden reduziert, Angebote eingeschränkt oder eingestellt – in einer Phase, in der viele Einrichtungen von steigenden Unterstützungsbedarfen berichten. Weitere Einsparungen sind bereits angekündigt.
Kürzungen im Sozialbereich verstärken Abwärtsspirale
Caritas und Volkshilfe warnen daher davor, den Sozialbereich weiter auszuhöhlen. Sie fordern einen verpflichtenden Armuts-Check bei Budgetmaßnahmen, damit Einsparungen nicht jene treffen, die ohnehin am wenigsten Spielraum haben. „Wenn im Sozialbereich weiterhin stark gekürzt wird, trifft das Kinder nicht irgendwann – es trifft sie sofort. Weniger Unterstützung heißt mehr Druck im Alltag auf Familien und vulnerable Gruppen“, sagt Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich.
Vor diesem Hintergrund wurde für den gemeinsamen Praxischeck von Volkshilfe und Caritas eine österreichweite Umfrage unter 590 Fachkräften durchgeführt.
Praxischeck zu Kürzungen im Sozialbereich: Breite Betroffenheit
Fast 80 Prozent der Befragten geben an, dass ihr Arbeitsbereich von Kürzungen betroffen ist oder betroffen sein wird. Mehr als ein Drittel berichtet bereits von konkreten Einschnitten, weitere 42 Prozent befürchten diese.
Die Einschätzungen zeigen klar: Sparmaßnahmen sind im Sozialbereich längst Realität – und sie betreffen zentrale Unterstützungsangebote. Besonders häufig berichten Fachkräfte aus den Bereichen Sozialarbeit, Betreuung und Beratung von Einschränkungen.
Besonders betroffen: Familien und Menschen mit Fluchterfahrung
Aus Sicht der Praxis treffen die Einschnitte vor allem Gruppen mit ohnehin erhöhtem Armutsrisiko. An erster Stelle stehen Kinder, Jugendliche und Familien. Auch Menschen im Asylverfahren oder mit Schutzstatus werden häufig genannt.
Darüber hinaus sehen die Befragten auch Menschen mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen sowie ältere Personen als stark betroffen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass bestehende Ungleichheiten weiter verschärft werden könnten.
Verschärfung von Armut und sozialen Problemen
Die Mehrheit der Fachkräfte erwartet eine deutliche Verschlechterung der Lebenslagen ihrer Klient*innen. Besonders häufig genannt werden steigende psychische und gesundheitliche Belastungen, zunehmende Verschuldung sowie Probleme bei der Deckung grundlegender Bedürfnisse wie Lebensmittel.
Der Praxischeck macht deutlich, dass sich bestehende Problemlagen weiter verschärfen könnten. Viele Menschen leben bereits jetzt an der Grenze ihrer Belastbarkeit – selbst kleinere Einschnitte können gravierende Folgen haben.
Auch die Gefahr von Wohnungs- und Obdachlosigkeit nimmt aus Sicht der Befragten zu.
Fortschritte geraten in Gefahr
Kürzungen gefährden nicht nur die aktuelle Lebenssituation, sondern auch bereits erzielte Fortschritte. Über 90 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass erreichte Stabilisierung – etwa beim Wohnen oder bei der Integration – wieder verloren gehen kann.
Auch die Chancen auf eine Integration in den Arbeitsmarkt sinken aus Sicht der Praxis deutlich. Unterstützungsangebote, die den Einstieg erleichtern, werden eingeschränkt oder fallen weg.
Versorgungslücken nehmen zu
Nahezu alle Befragten (97 Prozent) erwarten, dass künftig mehr Menschen keine passende Unterstützung mehr finden werden. Wenn Angebote reduziert oder eingestellt werden, entstehen Versorgungslücken, mit direkten Auswirkungen auf Betroffene.
Gleichzeitig rechnen viele Fachkräfte damit, dass sich Probleme in andere Bereiche verlagern, etwa in das Gesundheits- oder Bildungssystem. Aus Sicht der Praxis führt dies nicht zu Einsparungen, sondern zu einer Verlagerung von Problemen. Mit potenziell höheren Folgekosten.
Stimmen aus der Praxis
Die offenen Rückmeldungen der Befragten zeichnen ein deutliches Bild. Viele Fachkräfte berichten, dass es zunehmend schwieriger wird, Menschen ausreichend zu unterstützen.
Gleichzeitig rechnen viele Fachkräfte damit, dass sich Probleme in andere Bereiche verlagern, etwa in das Gesundheits- oder Bildungssystem. Aus Sicht der Praxis wird damit nicht gespart . Probleme und Kosten werden lediglich verschoben.
Auch die konkreten Auswirkungen der Kürzungen werden klar benannt: Jede gekürzte Stunde im Sozialbereich bedeute „eine Chance weniger“ für Betroffene.
Die vollständigen Ergebnisse des Praxischecks können hier nachgelesen werden. Die vorliegenden Ergebnisse sind Teil 1 des Praxischecks von Volkshilfe und Caritas. Weitere Auswertungen zu den Bereichen Sozialhilfe sowie Asyl und Integration folgen.
Die Datenerhebung erfolgte österreichweit im Zeitraum Februar bis März 2026. Insgesamt nahmen 590 Fachkräfte aus unterschiedlichen Bereichen der Sozialarbeit an der anonymen Online-Befragung teil.