Armut und Demokratie
Wer wenig hat, wird weniger gehört
Armut erschwert es, politisch mitzureden und mitzuentscheiden. Eine Befragung der Volkshilfe zeigt: Drei Viertel der befragten armutsgefährdeten Menschen fühlen sich von der Politik als „Menschen zweiter Klasse“ behandelt. Was bedeutet soziale Ungleichheit für unsere Demokratie und was braucht es für echte politische Teilhabe?
Demokratische Gleichheit erschöpft sich nicht im Wahlrecht. Politische Teilhabe umfasst auch die Möglichkeit, sich zu informieren, eigene Interessen zu vertreten, sich an Initiativen zu beteiligen, mit politischen Entscheidungsträger*innen in Kontakt zu treten oder sich längerfristig zu engagieren. Dafür braucht es Ressourcen. Zeit gehört ebenso dazu wie Wissen, soziale Netzwerke und materielle Sicherheit. Armut schränkt diese Spielräume ein. Wer einen großen Teil der eigenen Aufmerksamkeit darauf verwenden muss, Miete, Lebensmittel oder unerwartete Ausgaben zu bewältigen, hat schlechtere Voraussetzungen, sich zusätzlich politisch einzubringen.
Ungleiche Voraussetzungen für politische Teilhabe
Der Politikwissenschaftler Colin Crouch beschreibt mit dem Begriff der Postdemokratie eine gefährliche Entwicklung, bei der demokratische Institutionen formal bestehen bleiben, politische Einflussmöglichkeiten aber zunehmend ungleich verteilt sind. Wahlen finden statt, Parlamente arbeiten, Bürger*innen verfügen über politische Rechte, zugleich können ökonomisch mächtige Gruppen ihre Interessen leichter durchsetzen als Menschen mit wenigen Ressourcen.
Das zeigt sich etwa beim Zugang zu Netzwerken, zu professioneller Interessenvertretung oder zur öffentlichen Aufmerksamkeit. Wer über Geld und gesellschaftlichen Einfluss verfügt, kann die eigenen Anliegen auf anderen Wegen in politische Prozesse einbringen als jemand, dessen Alltag von finanzieller Unsicherheit geprägt ist.
Auch Untersuchungen aus Österreich zeigen deutliche Unterschiede zwischen sozialen Gruppen. Menschen mit niedrigem Einkommen beteiligen sich seltener an Wahlen und anderen Formen politischer Partizipation und beurteilen die Funktionsweise des politischen Systems kritischer. Gleichzeitig ist das kein Hinweis darauf, dass Demokratie grundsätzlich abgelehnt wird. Vielmehr geht es um die Frage, ob Menschen den Eindruck haben, dass ihre Interessen in diesem System vorkommen und ihre Beteiligung etwas bewirken kann.
Armut betrifft einen erheblichen Teil der Bevölkerung
2025 waren in Österreich mehr als 1,5 Millionen Menschen armuts- oder ausgrenzungsgefährdet (Statistik Austria 2026). Armut bedeutet dabei nicht nur, unter einer bestimmten Einkommensgrenze zu leben. Sie beeinflusst Wohnbedingungen, Gesundheit, Bildungschancen und soziale Teilhabe. Sie verändert aber auch die Möglichkeiten, die eigene Lebenssituation mitzugestalten und gesellschaftliche Interessen zu vertreten.
Vor diesem Hintergrund hat die Volkshilfe im Zuge der letzten Nationalratswahlen untersucht, wie armutsgefährdete Klient*innen Politik und Demokratie wahrnehmen und wie sie daran teilhaben.
Im August und September 2024 wurden österreichweit insgesamt 202 Klient*innen der Volkshilfe telefonisch und online befragt. Die Ergebnisse sind weder für die österreichische Bevölkerung noch für alle armuts- oder ausgrenzungsgefährdeten Menschen repräsentativ. Sie geben jedoch Einblick in die politischen Erfahrungen und Einschätzungen einer Gruppe, die in allgemeinen Bevölkerungsbefragungen häufig nur schwer erreicht wird.
Zehn Prozent der Befragten hatten keinen formalen Bildungsabschluss, 22 Prozent einen Pflichtschulabschluss und 32 Prozent eine Berufsausbildung oder Fachschule abgeschlossen. 16 Prozent hatten Matura, 14 Prozent einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss. 54 Prozent besaßen die österreichische Staatsbürger*innenschaft, 23 Prozent jene eines Drittstaates und zwölf Prozent die Staatsbürger*innenschaft eines EU-/EWR-Landes oder der Schweiz. Diese Zusammensetzung ist für die Frage politischer Teilhabe relevant. Denn politische Rechte hängen in Österreich auch von der Staatsbürger*innenschaft ab.
4 von 10 nicht wahlberechtigt, 4 von 10 waren bei der Wahl
Zum Zeitpunkt der Erhebung war die Nationalratswahl 2019 die letzte bundesweite Wahl. 41 Prozent der Befragten gaben an, daran teilgenommen zu haben. 38 Prozent waren nicht wahlberechtigt. Weitere neun Prozent hatten trotz Wahlberechtigung nicht gewählt.
Damit zeigt die Befragung zunächst einen sehr grundlegenden Ausschlussmechanismus: Ein beträchtlicher Teil der Befragten konnte an dieser wichtigen Form repräsentativer politischer Beteiligung gar nicht teilnehmen.
Unter den 19 Personen, die wahlberechtigt waren, aber nicht gewählt hatten, wurde fehlendes Vertrauen in die Politik am häufigsten als Grund genannt. Wegen der geringen Fallzahl lässt sich daraus kein allgemeiner Befund über Nichtwähler*innen ableiten. Das Thema Vertrauen taucht allerdings auch an anderen Stellen der Befragung deutlich auf.
Politische Beteiligung jenseits von Wahlen
Politische Teilhabe beschränkt sich nicht auf den Wahltag. Deshalb wurde auch erhoben, welche anderen Formen der Beteiligung die Befragten in den vergangenen fünf Jahren genutzt hatten.
31 Prozent hatten bei einer Unterschriftensammlung unterschrieben, 16 Prozent an einer Demonstration teilgenommen und zwölf Prozent bei einer Befragung ihrer Stadt oder ihres Bezirks mitgemacht. Jede zehnte Person war bereits in der Sprechstunde eines*einer Bürgermeister*in, acht Prozent hatten sich an einer Bürger*inneninitiative beteiligt und sieben Prozent in einer Partei engagiert. 44 Prozent hatten keine der abgefragten Beteiligungsformen genutzt.
Auch hier lohnt der Blick auf die Voraussetzungen. Viele Beteiligungsformen erfordern Zeit, Informationen und kontinuierliches Engagement. Gerade aufwendigere Formen politischer Partizipation sind sozial ungleich verteilt. Menschen mit höheren Einkommen und höherer formaler Bildung nutzen sie häufiger als Menschen mit weniger Ressourcen.
Der Glaube an die eigene politische Wirksamkeit
Eine weitere Frage beschäftigte sich mit der politischen Selbstwirksamkeit. Gemeint ist damit die Einschätzung, ob Menschen glauben, durch politische Beteiligung tatsächlich etwas beeinflussen zu können.
48 Prozent der Befragten stimmten zumindest eher der Aussage zu, dass „Menschen wie ich“ etwas bewirken können, wenn sie sich politisch beteiligen. 35 Prozent stimmten eher nicht oder gar nicht zu. Das Ergebnis ist bemerkenswert, weil es ein differenzierteres Bild zeichnet als die verbreitete Vorstellung einer generell politikfernen oder desinteressierten Gruppe. Fast die Hälfte der Befragten schreibt politischer Beteiligung durchaus Wirkung zu. Gleichzeitig fällt ihre Einschätzung der politischen Machtverhältnisse sehr kritisch aus.
Politischer Einfluss wird als ungleich verteilt wahrgenommen
Der Aussage „In der Politik machen sich Menschen mit viel Geld untereinander aus, was im Land passieren soll“ stimmten 72 Prozent eher oder vollständig zu. Nur 14 Prozent widersprachen. Unter den Befragten mit österreichischer Staatsbürger*innenschaft lag die Zustimmung sogar bei 84 Prozent. Diese Einschätzung passt zu Befunden aus der Forschung zur politischen Repräsentation. Internationale Studien zeigen, dass die Interessen ökonomisch privilegierter Gruppen in politischen Entscheidungen stärker berücksichtigt werden.
Besonders deutlich wird die Ungleichheit dann, wenn sich die Interessen verschiedener Einkommensgruppen unterscheiden (siehe Elsässer und Traber). Die Wahrnehmung, dass Geld politischen Einfluss erleichtert, ist damit nicht ausschließlich Ausdruck von Misstrauen. Sie verweist auf eine reale Ungleichheit politischer Einflussmöglichkeiten.
Politische Entscheidungen werden dennoch als relevant erlebt
Die kritische Einschätzung der Machtverhältnisse bedeutet nicht, dass den Befragten Politik gleichgültig wäre – ein Ergebnis, das uns zunächst überrascht hat. Auf die Frage, ob es egal sei, wer in der Regierung sitzt, antworteten 61 Prozent, dass dies eher nicht oder überhaupt nicht egal sei. Nur 14 Prozent tendierten in die Gegenrichtung. Darin zeigt sich ein wichtiges Spannungsverhältnis der Befragung: Viele Menschen erleben das politische System als ungleich und wenig zugänglich, halten politische Entscheidungen aber gleichzeitig für bedeutsam.
Aber gerade Menschen mit niedrigen Einkommen sind von Entscheidungen über Sozialleistungen, Wohnen, Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung oder öffentliche Infrastruktur unmittelbar betroffen und das könnte auch in den Antworten der Betroffenen deutlich werden. Das Verhältnis zur Politik lässt sich daher weniger als Desinteresse beschreiben denn als Distanz zu einem System, dessen Entscheidungen sehr wohl als relevant wahrgenommen werden.
Drei Viertel fühlen sich nicht gleichwertig behandelt
Besonders deutlich fällt die Antwort auf eine weitere Frage aus. Die Befragten sollten die Aussage einschätzen: „Die Politik behandelt Menschen wie mich oft als Menschen 2. Klasse.“ 75 Prozent stimmten eher oder vollständig zu. 19 Prozent widersprachen.
Auch repräsentative Untersuchungen zeigen einen starken Zusammenhang zwischen der sozialen Position und dieser Wahrnehmung. Im Demokratie-Monitor 2022 stimmten 38 Prozent der Menschen im oberen ökonomischen Drittel der Aussage zu, von der Politik wie Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden. Im unteren Einkommensdrittel waren es 73 Prozent. Diese Unterschiede können als Hinweis auf Klassismuserfahrungen verstanden werden. Gemeint sind Abwertungen und Benachteiligungen aufgrund der sozialen Position. Sie können sich im Kontakt mit Institutionen zeigen, aber auch in politischen und medialen Debatten darüber, wer Unterstützung „verdient“, wie über Armut gesprochen wird und welche Lebensrealitäten als politisch relevant wahrgenommen werden.
Für eine Demokratie ist diese Erfahrung problematisch. Politische Gleichheit ist nicht nur eine rechtliche Frage. Sie setzt auch voraus, dass Menschen sich als gleichwertiger Teil der politischen Gemeinschaft wahrnehmen können.
Diese Perspektiven treffen schließlich auch auf pessimistische Zukunftsaussichten. Nur 28 Prozent der armutsbetroffenen Befragten glaubten, dass sich ihre Lebenssituation in den kommenden fünf Jahren verbessern werde. 39 Prozent erwarteten eine Verschlechterung.
Soziale und politische Teilhabe zusammendenken
Insgesamt ergibt sich damit kein Bild politischer Gleichgültigkeit. Die Befragten halten politische Entscheidungen für relevant und ein beträchtlicher Anteil glaubt grundsätzlich an die Möglichkeit politischer Einflussnahme. Gleichzeitig sehen viele die tatsächlichen Einflussmöglichkeiten als ungleich verteilt, beurteilen die Funktionsfähigkeit des politischen Systems kritisch und erleben ihre eigene soziale Gruppe als politisch abgewertet.
Aus Sicht der Volkshilfe können Armutsbekämpfung und Demokratiestärkung deshalb nicht getrennt voneinander gedacht werden. Wer in einer prekären Lebenslage lebt, verfügt häufig über weniger Zeit, finanzielle Mittel und Sicherheit für politische Beteiligung. Maßnahmen gegen Armut – etwa eine Kindergrundsicherung, leistbares Wohnen oder eine verlässliche soziale Infrastruktur – erweitern deshalb auch gesellschaftliche Handlungsspielräume.
Daneben braucht es politische Beteiligungsformen, die unterschiedliche Lebenslagen berücksichtigen. Informationen müssen verständlich, barrierearm und mehrsprachig zugänglich sein. Beteiligungsprozesse dürfen nicht voraussetzen, dass Menschen ohnehin schon wissen, wie politische Institutionen funktionieren, ausreichend Zeit zur Verfügung haben oder sich in etablierten politischen Räumen sicher bewegen.
Auch der Zugang zur Staatsbürger*innenschaft ist eine demokratiepolitische Frage. In der Volkshilfe-Befragung waren 38 Prozent bei der Nationalratswahl 2019 nicht wahlberechtigt. Menschen können über viele Jahre in Österreich leben, arbeiten, Steuern zahlen und von politischen Entscheidungen betroffen sein, ohne auf Bundesebene wählen zu dürfen. Ein wichtiger erster Schritt, um den Anteil der Nicht-Wahlberechtigten zu senken, ist es, die finanziellen und bürokratischen Hürden beim Zugang zur Staatsbürger*innenschaft dramatisch zu vereinfachen bzw. abzuschaffen – für Menschen, die schon lange in Österreich leben, aber auch für Kinder, die in Österreich geboren werden.
Nicht zuletzt braucht demokratische Beteiligung öffentliche und zivilgesellschaftliche Räume: Bibliotheken, Jugendzentren, Volkshochschulen, Nachbarschaftszentren, Vereine und soziale Organisationen. Dort können Menschen Interessen formulieren, Erfahrungen austauschen und Beteiligung praktisch erproben.
Die Ergebnisse unserer Befragung zeigen: Soziale Ungleichheit beeinflusst nicht nur, wie Menschen leben. Sie beeinflusst auch, welche Möglichkeiten sie haben, Gesellschaft und Politik mitzugestalten.
Zum Weiterlesen
Crouch, Colin. 2020. Postdemokratie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Elsässer, Lea, Svenja Hense, and Armin Schäfer. 2018. Government of the people, by the elite, for the rich: Unequal responsiveness in an unlikely case. MPIfG Discussion Paper No. 18/5. Köln: Max Planck Institute for the Study of Societies.
Statistik Austria. 2026. Tabellenband EU-SILC 2025 und Bundesländertabellen mit Dreijahresdurchschnitt EU-SILC 2023 bis 2025. Wien: Statistik Austria.
Traber, Denise, Miriam Hänni, Nathalie Giger, and Christian Breunig. 2022. „Social status, political priorities and unequal representation.“ European Journal of Political Research 61(January): 351–373.
Zandonella, Martina, and Tamara Ehs. 2021. „Demokratie der Reichen? Soziale und politische Ungleichheit in Wien.“ Wirtschaft und Gesellschaft 47(May), 63–102.
Zandonella, Martina. 2025. Demokratie aus Sicht der Bevölkerung. Demokratie Monitor 2018 – 2024. Wien: Foresight Research Hofinger GmbH.