2040
Ein Brief aus einer möglichen Zukunft
Wie werden wir einmal auf das Jahr 2026 zurückblicken? Auf eine Zeit der Krisen und der Verunsicherung, in der noch offen ist, welchen Weg unsere Gesellschaft einschlägt. Erich Fenninger wagt ein Gedankenexperiment und schreibt aus dem Jahr 2040 an uns in der Gegenwart.
Ein Brief an euch
Wir schreiben das Jahr 2040.
Ich schreibe euch aus dem Nachtzug zwischen Wien und Istanbul. Die Sonne geht gerade auf, die Landschaft zieht am Fenster vorbei. Ich denke an das Jahr 2026. An eure Gegenwart. Vierzehn Jahre sind historisch betrachtet keine lange Zeit. Und doch ist in diesen Jahren vieles in Bewegung geraten, das damals unverrückbar schien. Wir haben nicht alle Probleme gelöst, nicht alle Widersprüche überwunden. Aber wir haben die Richtung verändert. Vielleicht ist das, wenn ich heute zurückblicke, das Wichtigste: Wir haben wieder gelernt, dass Zukunft nicht einfach geschieht. Dass wir sie verändern können.
Das war 2026 alles andere als selbstverständlich. Ich erinnere mich an eine Gesellschaft, die von Krise zu Krise taumelte und zunehmend das Vertrauen verlor, die Dinge noch selbst in der Hand zu haben. Der Krieg in der Ukraine dauerte an, der Krieg gegen den Iran erschütterte die Weltwirtschaft und trieb die Energiepreise nach oben. Eine internationale Ordnung, die Sicherheit garantieren sollte, wirkte immer brüchiger.
Gleichzeitig lag Europa unter einer außergewöhnlichen Hitzewelle. Wälder brannten, Grundwasserspiegel sanken, Ernten fielen aus. Ein Temperaturrekord jagte den nächsten. Wir diskutierten nicht mehr darüber, ob die Klimakrise irgendwann unseren Alltag erreichen würde. Wir lebten längst in ihr.
Und während sich die Krisen überlagerten, wurde das Leben für viele schwieriger. Lebensmittel, Energie und Wohnen wurden teurer, während enorme Vermögen weiter wuchsen. Eltern mussten ihren Kindern erklären, warum der Schulausflug nicht möglich war. Menschen arbeiteten und wussten trotzdem nicht, wie sie bis zum Monatsende kommen sollten.
Auch in der Pflege zeigte sich der Widerspruch. Unsere Gesellschaft wurde älter, während Pflegekräfte längst bis an ihre Belastungsgrenze arbeiteten und Angehörige aufzufangen versuchten, was ein überlastetes System nicht mehr leisten konnte.
Wir lebten in einer der reichsten und produktivsten Gesellschaften der Geschichte. Und trotzdem wurde uns erklärt, dass wir uns gute Pflege, soziale Sicherheit, leistbares Wohnen oder wirksamen Klimaschutz nicht leisten könnten.
Damit begann auch ein Versprechen zu zerbrechen, von dem Europa über Jahrzehnte gelebt hatte: dass es den eigenen Kindern einmal besser gehen würde. Viele junge Menschen fragten sich nicht mehr, wann sie sich eine eigene Wohnung leisten könnten, sondern ob überhaupt. Aus der Hoffnung auf sozialen Aufstieg wurde die Angst vor dem Abstieg.
Ich habe damals oft an ein Bild gedacht. Wir glaubten lange, gemeinsam mit einem Aufzug nach oben zu fahren. Tatsächlich standen wir längst auf verschiedenen Rolltreppen. Während einige immer schneller nach oben fuhren, bewegten sich andere langsam nach unten.
Und immer mehr Menschen begannen zu verstehen, dass diese Rolltreppen nicht zufällig in unterschiedliche Richtungen führten.
Die Zeit der Monster
Der italienische Philosoph Antonio Gramsci schrieb in den 1930er-Jahren des vorigen Jahrhunderts einen Satz, der mich mein Leben lang begleitet hat: „Das Alte stirbt und das Neue kann nicht zur Welt kommen.“ In diesem Interregnum, so schrieb er weiter, würden die unterschiedlichsten krankhaften Erscheinungen sichtbar.
Wenn ich heute auf das Jahr 2026 zurückblicke, erscheint mir diese Beschreibung beinahe unheimlich aktuell. Eine alte Ordnung verlor ihre Stabilität, aber etwas Neues war noch nicht entstanden. Vieles funktionierte nicht mehr, gleichzeitig fehlte die Vorstellung davon, was an seine Stelle treten könnte.
Ich nannte diese Jahre die Zeit der Monster.
Sie wuchsen dort, wo Angst größer wurde als Hoffnung, wo Menschen gegeneinander ausgespielt und wachsende Ungleichheit als unvermeidbar dargestellt wurden. Wo Solidarität belächelt und Mitgefühl zur Schwäche erklärt wurde.
Diese Monster hatten keine Hörner. Ja, die eine oder andere obskure Frisur war dabei. Aber im Grunde trugen sie Anzug und Krawatte, saßen in Fernsehstudios und Parlamenten oder verbreiteten ihre Botschaften über soziale Medien. Sie sprachen von Freiheit und meinten häufig die Freiheit des Stärkeren. Von Sicherheit und meinten Ausgrenzung. Von Leistung und schwiegen über die ungleichen Voraussetzungen.
Aber wir hätten es uns zu einfach gemacht, nur auf jene zu zeigen, die diese Botschaften verbreiteten. Sie waren nicht die Ursache aller unserer Probleme. Sie waren auch deren Symptom.
Gesellschaften werden nicht aus dem Nichts autoritär. Die Unsicherheit jener Jahre war real. Und je größer sie wurde, desto verführerischer wurden einfache Antworten. Entscheidend war, wohin sich die Wut richtete: gegen die Verhältnisse, die Unsicherheit und Ungleichheit hervorbrachten? Gegen die Konzentration von Reichtum und Macht? Oder gegen Menschen, die selbst kaum etwas hatten?
Die Monster kannten ihre Antwort.
Sie traten nach unten.
Der Kampf um unseren Alltagsverstand
Die Monster waren erfolgreich, weil sie nicht nur politische Forderungen stellten. Sie veränderten die Art, wie wir über unsere Gesellschaft sprachen.
Die Grenzen verschoben sich langsam. Begriffe, die gestern noch Empörung ausgelöst hatten, wurden wiederholt und irgendwann Teil gewöhnlicher politischer Debatten. Menschenrechte wurden zur Verhandlungsmasse. Aus Menschen, die Schutz suchten, wurden „Illegale“. Wer arm war, hatte sich angeblich nicht genügend angestrengt.
Ich glaube, wir haben unterschätzt, wie mächtig dieser Prozess war.
Gramsci hatte dafür einen Begriff: den Alltagsverstand. Er meinte jene Vorstellungen von der Welt, die uns so selbstverständlich geworden sind, dass wir kaum noch bemerken, dass es Vorstellungen sind. Was empfinden wir als gerecht? Wem schreiben wir Verantwortung für Armut zu? Wem vertrauen wir? Was betrachten wir als unveränderlich und was überhaupt noch als politisch gestaltbar?
Die autoritäre Rechte hatte verstanden, dass genau hier entschieden wird, welche Politik eines Tages möglich sein würde. Sie wiederholte ihre Begriffe, Feindbilder und einfachen Erklärungen so lange, bis vieles davon in der Mitte der Gesellschaft angekommen war. Robert Misik beschrieb damals noch eine weitere Dimension dieses Prozesses als „Erziehung zur Grausamkeit“. Das ständige Trommelfeuer aus Skandalisierung, Häme und Hass sollte nicht nur unsere politischen Überzeugungen verändern, sondern auch unser Verhältnis zueinander. Mitgefühl erschien als Schwäche, Härte als Stärke, die Abwertung anderer wurde zunehmend normal.
Wir hingegen waren zu oft in der Defensive. Manchmal übernahmen selbst jene, die sich als progressiv verstanden, die Begriffe und Deutungen der anderen – und trugen damit dazu bei, dass sie weiter in die Mitte der Gesellschaft vordrangen.
Wir mussten wieder lernen, dass es nicht genügt, die Antworten der anderen zurückzuweisen. Wir brauchten eigene Antworten und eine eigene Vorstellung davon, wie eine gerechtere Gesellschaft aussehen könnte. Denn was gestern undenkbar erschien, wird zuerst sagbar, dann diskutierbar und irgendwann politisch durchsetzbar.
Auch wir als soziale Organisationen mussten uns deshalb fragen: War unsere Aufgabe erfüllt, wenn wir die Folgen von Armut linderten? Oder mussten wir zugleich darüber sprechen, warum Armut in einer der reichsten Gesellschaften der Geschichte überhaupt fortbestand? Für mich konnte es darauf nur eine Antwort geben: Wer Menschen hilft, darf über die Verhältnisse, die ihre Not hervorbringen, nicht schweigen.
Und Solidarität konnte mehr sein als Mitgefühl.
Sie konnte gesellschaftliche Kraft werden.
Warum ich die Hoffnung nie verloren habe
2026 wurde mir immer wieder eine Frage gestellt: Glaubst du wirklich noch daran, dass sich das Blatt wenden kann? Die Zweifel waren verständlich. Trotzdem habe ich den Glauben daran nie verloren.
Ich bin Menschen begegnet, die selbst kaum etwas besaßen und trotzdem teilten. Pflegekräften, die unter schwierigsten Bedingungen versuchten, Menschen jene Zeit und Zuwendung zu geben, die das System längst nicht mehr vorsah. Ehrenamtlichen, die ihre freie Zeit anderen schenkten. Kolleg*innen, die sich zusammenschlossen, weil sie ihre Arbeitsbedingungen nicht länger hinnehmen wollten. Menschen, die sich vor andere stellten, wenn diese angegriffen oder ausgegrenzt wurden. Und Kindern, die unter Bedingungen aufwuchsen, die eine reiche Gesellschaft niemals hätte akzeptieren dürfen, und die trotzdem neugierig blieben und Pläne schmiedeten.
All diese Begegnungen haben mir etwas gezeigt, das stärker war als die Erzählung von der Ohnmacht: Menschen sind nicht nur Konkurrent*innen. Sie sind fähig, füreinander einzustehen, sich zusammenzuschließen und gemeinsam Dinge zu verändern. Solidarität war für mich deshalb nie nur eine politische Idee. Ich hatte sie erlebt.
Aus vielen einzelnen Erfahrungen konnte gemeinsames Handeln entstehen. Aus Hilfe konnte Solidarität werden, aus Solidarität Organisation und aus Organisation gesellschaftliche Kraft.
Der Philosoph Ernst Bloch schrieb einmal, die Zukunft sei in der Gegenwart angelegt. Nicht als Versprechen, dass eine bessere Zukunft zwangsläufig kommen würde, sondern als Möglichkeit. Und Möglichkeiten können ergriffen oder verspielt werden.
Wir mussten nicht daran glauben, dass alles gut ausgehen würde. Wir mussten daran glauben, dass es einen Unterschied machte, was wir taten.
Denn Zukunft kommt nicht einfach. Sie wird gemacht.
Wann hat sich die Richtung geändert?
Wann hat sich die Richtung geändert? Welche Wahl es war, welche Regierung, welche große Bewegung?
Ich wünschte, ich könnte euch einen solchen Moment nennen. Geschichte wäre leichter zu erzählen, wenn sie so funktionieren würde. Aber es gab diesen einen Tag nicht.
Was sich veränderte, war zunächst viel weniger spektakulär: Menschen begannen wieder, sich zusammenzutun. Nicht überall gleichzeitig und nicht immer erfolgreich. Es gab Rückschläge und Niederlagen. Aber aus vielen kleinen Bewegungen entstand allmählich etwas Größeres.
Lange hatten wir unsere Kämpfe getrennt geführt: gegen Armut und die Klimakrise, für bessere Arbeitsbedingungen, Gleichstellung, Menschenrechte und Demokratie. Allmählich verstanden wir wieder, dass hinter vielen dieser Kämpfe dieselben grundlegenden Fragen standen: Wer verfügt über Macht und Ressourcen? Wer trägt die Kosten unseres Wohlstands? Wer kann über das eigene Leben bestimmen und wer nicht?
Aus dieser Erkenntnis entstanden neue Bündnisse. Gewerkschaften, soziale Bewegungen, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Menschen, die sich zuvor nie als politisch verstanden hätten, fanden in konkreten Auseinandersetzungen zusammen. Nicht zu einer einzigen großen Bewegung und nicht ohne Konflikte. Aber oft genug, um etwas zu verändern.
Und damit machten Menschen wieder eine Erfahrung, die lange verloren gegangen war: Gemeinsames Handeln konnte tatsächlich einen Unterschied machen.
Das war vielleicht der eigentliche Wendepunkt. Kein Datum, sondern eine Erfahrung, die sich verbreitete: Wir waren den Verhältnissen nicht vollständig ausgeliefert. Was von Menschen geschaffen worden war, konnte von Menschen auch verändert werden.
Was sich verändert hat
Wir begannen Solidarität noch auf eine andere Weise zu verstehen. Die Philosophin Jule Govrin sprach von einem „Universalismus von unten“ und stellte dabei unsere gemeinsame Verwundbarkeit ins Zentrum. Kein Mensch existiert unabhängig von anderen. Wir brauchen andere, wenn wir geboren werden, krank sind oder alt werden. Wir sind aufeinander und auf eine bewohnbare Welt angewiesen.
Aber wir sind nicht alle auf dieselbe Weise verwundbar. Ob Krankheit, eine Wirtschaftskrise oder eine Hitzewelle zur existenziellen Bedrohung wird, hängt auch davon ab, über welche Ressourcen ein Mensch verfügt und welche Unterstützung eine Gesellschaft bietet. Gerade darin lag für uns eine neue Vorstellung von Solidarität: Unsere Verwundbarkeit verbindet uns.
Wenn ich heute Kinder auf ihrem Weg in die Schule sehe, denke ich daran, wie selbstverständlich wir es 2026 hinnahmen, dass ihre Chancen davon abhingen, in welche Familie sie geboren wurden. Wir halfen mit Schulsachen, finanzierten Nachhilfe oder ermöglichten Ausflüge. Diese Hilfe war notwendig. Aber irgendwann mussten wir uns fragen: Warum akzeptieren wir die Verhältnisse, die sie immer wieder notwendig machen?
Heute gibt es weiterhin Familien mit unterschiedlichen Einkommen. Aber wir haben aufgehört, Kinder die Konsequenzen dieser Ungleichheit tragen zu lassen. Gute Bildung, ein warmes Mittagessen, gesundheitliche Versorgung, digitale Ausstattung, Sport oder Kultur hängen nicht mehr vom Einkommen der Eltern ab. Wir haben uns darauf verständigt, dass die Existenz eines Kindes nicht der Ort sein darf, an dem eine Gesellschaft spart.
Ähnliches geschah in der Pflege. Wir wurden älter und der Bedarf an Pflege und Betreuung wuchs. Wir hörten auf, Pflege wie ein Problem zu behandeln, das Familien irgendwie privat lösen sollten, und investierten in öffentliche und gemeinnützige Angebote und in die Menschen, die diese Arbeit leisten. Arbeitsbedingungen wurden besser, Arbeitszeiten planbarer. Angehörige können für Menschen da sein, die sie lieben, ohne dafür ihre eigene Existenz oder Gesundheit aufs Spiel zu setzen.
Auch draußen vor meinem Zugfenster ist die Veränderung sichtbar. Ich sehe Städte mit mehr Bäumen und entsiegelten Plätzen, Gebäude, die im Sommer nicht zu Hitzefallen werden, Wohnviertel mit kurzen Wegen. In vielen Städten kostet der öffentliche Verkehr heute nichts mehr, überregional wurde Bahnfahren wesentlich günstiger.
Mein Zug ist selbst Teil dieser Veränderung. 2026 konnte man durch Europa fliegen und mit wenigen Klicks eine Reise buchen. Mit der Bahn scheiterte man oft an unterschiedlichen Buchungssystemen, Tarifen und Zuständigkeiten. Heute verbinden uns von Lissabon bis Istanbul durchgehende Tag- und Nachtzüge und gemeinsame Buchungssysteme.
Die Klimakrise ist damit nicht verschwunden. Aber wir haben aufgehört, Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit gegeneinander auszuspielen. Wer wenig hat, durfte nicht die größte Last tragen. Wer besonders viel verbrauchte und von der alten Wirtschaftsweise profitiert hatte, musste mehr Verantwortung übernehmen.
Gemeinnütziger und öffentlicher Wohnbau wurde wieder massiv ausgebaut, Spekulation begrenzt. Wohnraum wurde wieder stärker danach beurteilt, wofür er da ist: damit Menschen darin leben können. Auch Wasser, Gesundheit, Bildung und soziale Sicherheit wurden stärker vor kurzfristigen Verwertungsinteressen geschützt.
Wirtschaft ist kein Naturgesetz. Sie ist die Art und Weise, wie wir Produktion, Arbeit, Eigentum und Verteilung organisieren. Und was Menschen organisieren, können Menschen auch verändern. Märkte und private Unternehmen verschwanden deshalb nicht. Aber wir setzten ihnen Grenzen, wo elementare Bedürfnisse oder unsere natürlichen Lebensgrundlagen auf dem Spiel standen.
Wir begannen, Wohlstand anders zu verstehen und zu verteilen: als mehr Zeit, soziale Absicherung, Bildung und gute öffentliche Leistungen. Schulen, Pflege, Gesundheit, Kinderbetreuung, leistbares Wohnen und öffentliche Mobilität waren irgendwann nicht mehr jene Posten, bei denen zuerst gefragt wurde, was sie kosten. Wir begannen wieder zu fragen, was sie uns wert sind.
Natürlich musste all das finanziert werden. Und damit kamen wir zu einer Frage, der wir lange ausgewichen waren: Wer trägt eigentlich wie viel zu dieser Gesellschaft bei?
Macht brauchte Grenzen
Wir hatten lange über Ungleichheit gesprochen, als ginge es vor allem um die Frage, ob es gerecht ist, dass die einen sehr viel und die anderen sehr wenig besitzen. Aber irgendwann verstanden wir, dass es um mehr ging.
Es ging um Macht.
Denn sehr große Vermögen bedeuten nicht nur einen anderen Lebensstil. Mit großen Vermögen wächst die Möglichkeit, über Unternehmen, Grund und Boden, Medien und Investitionen zu verfügen und politische Entscheidungen zu beeinflussen. Wo sich Vermögen konzentriert, konzentriert sich auch gesellschaftliche Macht.
Wir begannen deshalb, große Vermögen und Erbschaften stärker zur Finanzierung jener Gesellschaft heranzuziehen, die diesen Reichtum überhaupt erst möglich machte. Nicht, um Erfolg zu bestrafen. Sondern weil Eigentum nicht nur Rechte mit sich bringt, sondern auch Verantwortung.
Die Wirkung wurde konkret erfahrbar: in Schulen und Kinderbetreuung, in Pflege und Gesundheit, in leistbarem Wohnen, öffentlichem Verkehr und sozialer Sicherheit. Der Sozialstaat war keine Einschränkung von Freiheit. Er schuf die Voraussetzungen dafür, dass Menschen ihre Freiheit tatsächlich nutzen konnten.
Auch heute gibt es große Unternehmen, wohlhabende Menschen und unterschiedliche Einkommen. Wir streiten weiterhin darüber, wie viel Ungleichheit eine Gesellschaft verträgt. Aber wir haben aufgehört, extreme Ungleichheit als unvermeidlichen Preis für Wohlstand hinzunehmen und wirtschaftliche Macht dort zurückgedrängt, wo sie demokratische Macht zu verdrängen begann.
Und die Monster?
Was ist aus diesen schauderhaften Kreaturen geworden, vor denen man sich eigentlich als Kind fürchtet, wenn abends das Licht ausgeht? Ihr erinnert euch: Unsere Monster waren sehr real, bestens gekleidet und vorzugsweise bei Tageslicht unterwegs.
Sie sind nicht verschwunden. Das wäre eine schöne Geschichte, aber keine ehrliche. Auch 2040 gibt es politische Kräfte, die versuchen, aus Unsicherheit Angst und aus Angst Hass zu machen, die einfache Antworten versprechen und andere abwerten.
Auch die Konflikte, von denen sie leben, sind nicht verschwunden. Demokratie ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann für immer besitzt.
Aber die Monster haben es heute schwerer.
Wir hatten verstanden, dass man Menschenfeindlichkeit nicht allein mit moralischer Empörung besiegen kann. Wer verhindern will, dass Menschen gegeneinander ausgespielt werden, muss auch die Verhältnisse verändern, unter denen Abstiegsangst und Ohnmacht entstehen.
Und wir begannen wieder selbst um den Alltagsverstand zu kämpfen. Vieles, das 2026 als unrealistisch oder radikal galt, ist für eine neue Generation selbstverständlich geworden: dass kein Kind arm sein sollte, gute Pflege Zeit braucht, großer Reichtum große Verantwortung bedeutet und eine Gesellschaft Märkten Grenzen setzen kann.
Dafür mussten Menschen streiten, Mehrheiten gewinnen und nach Niederlagen wieder von vorne beginnen. Aber mit jeder Veränderung verschob sich auch das, was wir für möglich hielten.
Das war vielleicht eine der wichtigsten Lehren aus der Zeit der Monster: Alltagsverstand ist nicht unveränderlich. Was normalisiert wurde, kann wieder an Selbstverständlichkeit verlieren. Was lange als utopisch belächelt wurde, kann eines Tages selbstverständlich sein.
Wir hatten den Kampf um unsere Vorstellungskraft zu lange den anderen überlassen. Als wir begannen, ihn wieder selbst zu führen, veränderte sich nicht nur unsere Sprache.
Wir veränderten die Wirklichkeit, aus der diese Sprache entstand.
Die Zuversicht ist zurückgekehrt
Und damit kehrte etwas zurück, das uns beinahe abhandengekommen war: Zuversicht.
Wenn ich sagen müsste, was sich zwischen 2026 und 2040 am stärksten verändert hat, würde ich deshalb nicht zuerst ein Gesetz oder eine Reform nennen. Viele Menschen haben wieder die Erfahrung gemacht, dass ihr Handeln einen Unterschied macht. Dass gesellschaftliche Verhältnisse nicht unveränderlich sind. Dass die Zukunft ihrer Kinder nicht zwangsläufig schlechter sein muss als ihre eigene.
2026 war dieses Vertrauen tief erschüttert. Politik bestand zu oft darin, die nächste Krise zu bewältigen oder wenigstens das Schlimmste zu verhindern. Wir wussten sehr genau, was wir nicht wollten. Aber wir hatten verlernt, gemeinsam darüber zu sprechen, was an seine Stelle treten sollte.
Als sich das änderte, begannen wir wieder über Fortschritt zu sprechen. Nicht als Versprechen immer größeren Konsums oder als blinden Glauben an Technologie und Wachstum. Sondern als Aussicht darauf, dass Menschen freier, sicherer und selbstbestimmter leben können als zuvor. Dass Wohlstand nicht daran gemessen wird, wie viel einige wenige besitzen, sondern daran, welche Möglichkeiten allen offenstehen.
Vor allem aber lernten wir, Zukunft wieder als etwas Gemeinsames zu begreifen. Eine Gesellschaft lässt sich nicht individuell retten. Kein Mensch baut allein ein Krankenhaus, ein Schienennetz oder ein Stromnetz. Niemand schützt allein das Klima, schafft soziale Sicherheit oder verteidigt eine Demokratie.
Vielleicht denke ich gerade deshalb auf dieser Reise so viel über das Jahr 2026 nach. Draußen ist es längst hell geworden. Städte, Dörfer und Landschaften ziehen am Fenster vorbei.
Ich hoffe, dass ihr etwas spüren würdet, das sich nur schwer in Statistiken messen lässt: Wir haben wieder Vertrauen in unsere gemeinsame Fähigkeit gewonnen, Dinge zum Besseren zu verändern.
Nicht, weil wir angekommen wären. Sondern weil wir wieder wissen, dass wir uns bewegen können.
Was ihr uns hinterlasst
Auf dieser Reise muss ich immer wieder an einen Gedanken von Karl Marx denken. Vor beinahe zweihundert Jahren schrieb er sinngemäß über unser Verhältnis zur Erde, dass selbst eine ganze Gesellschaft, ja alle Gesellschaften zusammengenommen, nicht Eigentümer*innen der Erde seien. Wir seien ihre Nutznießer*innen und hätten die Verantwortung, sie den nachfolgenden Generationen in einem besseren Zustand zu hinterlassen.
Ich mochte diesen Gedanken immer, auch über die ökologische Frage hinaus, weil er unsere Vorstellung von Eigentum auf den Kopf stellt. Was uns für eine begrenzte Zeit zur Verfügung steht, gehört uns nicht grenzenlos. Wir tragen Verantwortung dafür, in welchem Zustand wir es weitergeben.
Heute verstehen wir diese Verantwortung umfassender denn je. Natürlich hinterlassen wir unseren Kindern und Enkelkindern Flüsse, Wälder, Böden, ein Klima und die Artenvielfalt dieses Planeten. Aber wir hinterlassen ihnen auch Schulen und Krankenhäuser, Wohnungen und Städte, öffentliche Infrastruktur und soziale Sicherheit. Wir hinterlassen Rechte und Institutionen, Vermögen und Schulden, eine Demokratie und die Verteilung von Macht.
Und wir hinterlassen Vorstellungen davon, was in einer Gesellschaft als selbstverständlich gilt.
Ob ein Kind glaubt, Armut sei sein persönliches Versagen. Ob Menschen darauf vertrauen können, im Alter gut versorgt zu werden. Ob jemand, der vor Krieg und Verfolgung flieht, zuerst als Mensch oder als Bedrohung gesehen wird. Ob der Wert eines Menschen an seiner wirtschaftlichen Leistung gemessen wird. Und ob Freiheit bedeutet, dass die Starken möglichst wenig Grenzen erfahren – oder dass alle Menschen tatsächlich die Möglichkeit haben, ihr Leben selbstbestimmt zu führen.
Auch das ist ein Erbe.
Wenn ich aus dem Jahr 2040 auf euch zurückblicke, weiß ich, dass ihr euch die Welt, die ihr übernommen habt, nicht ausgesucht habt. Ihre Krisen hatten lange vor euch begonnen. Keine Generation beginnt bei null.
Aber irgendwann kommt für jede Generation der Moment, in dem sie entscheiden muss, was sie mit dem macht, was sie vorgefunden hat.
Eure Aufgabe war nicht, alle Fehler der Vergangenheit innerhalb weniger Jahre zu korrigieren. Das wäre unmöglich gewesen.
Eure Aufgabe war, die Weichen neu zu stellen.
Damit komme ich vielleicht zum eigentlichen Grund meiner Reise.
Der Zug wird langsamer. Vor dem Fenster verdichtet sich die Stadt, in der Ferne zeichnet sich Istanbul ab. In wenigen Minuten werden wir ankommen. Ich bin auf dem Weg zu einer internationalen Konferenz, auf der Regierungen, Wissenschafter*innen, Gewerkschaften, soziale Bewegungen und Vertreter*innen der Zivilgesellschaft darüber beraten, wie wir mit den Ressourcen dieser Erde umgehen und welche Welt wir den Generationen nach uns hinterlassen.
Wir haben verstanden, dass Verantwortung gegenüber kommenden Generationen mehr sein muss als ein schöner Satz in einer Sonntagsrede. Vielleicht ist das der größte Unterschied zwischen eurer Gegenwart und unserer.
Wir leben 2040 noch immer mit den Folgen der Krisen, die eure Zeit geprägt haben. Wir haben sie nicht alle gelöst. Wir haben die Widersprüche nicht abgeschafft und keine Gesellschaft geschaffen, in der es nichts mehr zu verändern gäbe.
Aber ihr habt die Weichen neu gestellt.
Ihr habt euch organisiert, geholfen, widersprochen, gestritten und neue Bündnisse geschlossen. Und damit habt ihr uns etwas hinterlassen, auf dem wir weiterbauen konnten: die Überzeugung, dass die Verhältnisse nicht bleiben müssen, wie sie sind.
Der Zug rollt in den Bahnhof ein. Menschen stehen auf, nehmen ihre Taschen und Mäntel. Auch ich werde gleich aussteigen. Draußen beginnt ein neuer Tag in Istanbul.
Wir sind weit gekommen seit 2026. Angekommen sind wir nicht.
Aber wir fahren wieder in die richtige Richtung.
Erich Fenninger ist Direktor der Volkshilfe Österreich.
Der Text ist zuerst im Volkshilfe-Magazin 3/2026 (Sonderausgabe) erschienen.
Illustrationen von Gina Müller.